Ein Spiel mit Händels Feuer
Premiere am Landestheater:
Jan-Richard Kehl inszeniert die Oper "Xerxes"
Wer ist Xerxes? Mensch oder Machtmaschine, Herrscher oder Beherrschter - ein Meister der emotionalen Maßlosigkeit oder doch nur Einsamer im eigenen System? Außerdem: Wen liebt Xerxes? Die kurzfristig vergessene Verlobte Amastris, die konstant widerstehende Geliebte des Bruders, Romilda? Am Ende lediglich und exklusiv sich selbst? Georg Friedrich Händels drittletzte Oper gibt auf diese Fragen dramaturgisch wie kompositorisch doppelbödige Antworten, indem sie als "Dramma per musica" den sicheren Boden der Opera seria partiell verlässt und der Ironie (auch) als musikalisches Gestaltungsmittel größtmöglichen Raum gewährt. Diese Neuerungen wurden lange Zeit weder gern gesehen noch gehört: Der Misserfolg der Uraufführung am King's Theatre 1738 markierte den Beginn eines Nischendaseins, das Xerxes genau genommen bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts führte. Das hieraus resultierende Interpretationsvakuum hat der junge Gastregisseur Jan-Richard Kehl am Schieswig-Holsteinischen Landestheaters für eine äußerst stimmige Exegese und zurechtgeschrumpfte Transformation des vorchristlichen Stoffes genutzt.
Zur Premiere am Samstag Abend geht es auf der Flensburger Bühne konsequent militärpolitisch zu, man sitzt in Uniformen intrigant am runden Tisch, tritt dann hinaus ans Rednerpult, um sich von denen beklatschen zu lassen, die am wenigsten verstehen, was für ein Spiel hinter den verschlossenen Türen gespielt wird. Es ist - die brennende Schale in der Mitte des politbüroartig vermauerten Bühnenbiides (Stefan Heyne) bringt es treffend auf den Punkt - ein Spiel mit dem Feuer: Mit flammenden Händen tritt Xerxes auf die Bühne - seine Generäle waschen die ihren derweil in Unschuld.
Kehl macht viel richtig, wenn er die Geschichte von den Ränken des entbrannten Herrschers nicht im nahe liegenden Weißen Haus erzählt, sondern im konkreten Ungefähren der politischen Klasse ansiedelt, den Grenzen zwischen privater Sphäre und öffentlichem Raum so auf abstrakter Ebene nachspürt. Zugleich macht er aus der Barockoper eine Gender-Study: Man darf sich immer wieder fragen, wie weiblich dieser Xerxes ist, den Cornelia Ptassek mit effektiv eingesetzter Soprangewalt verkörpert. Trotz einiger unsicher fokussierter Koloraturen in der "Furien"-Arie kann man hier durchaus von einer ldealbesetzung sprechen.
Umgekehrt gilt es, die Männlichkeit von Xerxes' Bruder Arsamenes zu erforschen, den Countertenor Gerson Sales mit seinem hellen, strahlenden Timbre und der Kopfstimmenkunst englischer Schule gibt. Um ihn schmelzen die Schwestem Romilda (klangschön schmachtend: Antje Bitterlich) und Atalanta (elegant und mit dezenter Virtuosität: Anna Janiszewski), werden vom Buffo-Charme des Dieners Elviro (Genadijus Bergorulko) und der mit klarer Linie eingreifenden Amastris (Astrid von Feder) überzeugend verwirrt. Mit viel Donner am Rande präsent: Jacek Janiszewski als Ariodates.
Per Borin gibt diesem Treiben mit dem dynamisch agierenden Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester eine einnehmend lebendige Basis, reichert einige originalklangorientierte Barockzutaten geschickt mit frühklassischen Aromen an. So glückt auch das letzte i-Tüpfelchen bei diesem ertragreichen Experiment: Warum die Barockoper kaum noch im Spielplanbewusstsein der Stadttheater verankert ist? Als der Vorhang fällt, hat man den Grund vergessen.
Oliver Stenzel
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