Giacomo Puccini
Tosca
Sächsische Zeitung
Montag, 17. März 2002
Fesselndes Spiel und großer Gesang
Von Jens Daniel Schubert
Beeindruckender
Theaterabend mit Puccinis "Tosca"
Als beeindruckender Theaterabend
präsentierte sich am Theater Görlitz die Premiere der "Tosca"
am Sonnabend. Puccinis Oper erscheint auf Grund ihrer historischen Fixierung
in Ort und Zeit der Handlung (Rom am 17./18. Juni 1800) oder der Besonderheit
ihrer Protagonisten (Maler und Operndiva) oft wie aus einer fremden Welt.
Regisseur Jan-Richard Kehl holt die Geschichte nah an die Gegenwart. Zwei
einander Liebende sind Flora Tosca und Mario Cavaradossi, denen die politischen
Wirren, der Kampf der Rotgefärbten gegen die Blaugefärbten um
sie herum eigentlich egal sind. Doch sie werden hineingezogen in den Strudel
der Gewalt, sie werden benutzt und werden Opfer.
Operndiva wird zum Kollateralschaden
Der Maler, der die ruinösen
Zustände um sich herum ignorierend die Schönheit an sich erschafft,
wird geblendet und durchschaut erst so, dass er Opfer ist. Die Sängerin,
die vor den Mächtigen Theater spielt, verliert ihre Unschuld. Sie ist
nicht nur "ready", nein, sie tötet tatsächlich, auch wenn sie
daran fast wahnsinnig wird. Und sie begreift erst über dem Leichnam
des Geliebten, dass sie selbst nur Spielfigur ist, eine Frau, die als Nebensache
des nächsten Umsturzes an einer verirrten Kugel stirbt, ein Kollateralschaden.
Diese Geschichte, tödlich
aktuell, weiß das Görlitzer Inszenierungsteam in eindrucksvollen
Bildern zu erzählen. Das Bühnenbild (Anette Braun) und die Kostüme
(Ulrike Stelzig-Schaufert) schaffen den düsteren Rahmen und eine ästhetische
Abstraktion dafür. Frappierend, wie die Görlitzer Raum und Höhe
sowie die technischen Gänge und Installationen des Bühnenraums
nutzen. Noch schaut das Görlitzer Publikum ja umbaubedingt von hinten
auf die Bühne. Auch der Regisseur nutzt die gebotenen Spielmöglichkeiten
geschickt aus, bezieht Zuschauerraum und Publikum ins Spiel mit ein. Er
entwickelt seine Dramaturgie jedoch nicht primär über optische
Effekte, sondern weiß sie, getragen von einer emotionsgeladenen, aber
nie schwülstigen musikalischen Interpretation (Christof Escher) über
seine Darsteller zu vermitteln.
Die Protagonisten spielen
ihre Rollen fesselnd, vermögen Widersprüche und Entwicklungen
aufzuzeigen, ihre Beziehungen differenziert zu gestalten. Lars Fosser ist
ein rundum überzeugender Scarpia. Vielleicht fehlt ihm manchmal etwas
der kraftvolle Kern in der Stimme, sicher ist er oft akustisch ungünstig
positioniert. Daniel Magdal ist ein kraftvoller Cavaradossi, stellt einen
charmanten, sensiblen Künstler vor, fügt sich stimmlich hervorragend
ins Ensemble ein und setzt hörenswerte Akzente. Yvonne Reich hat sich
mit der Tosca erfolgreich ein neues Stimmfach erschlossen und ist in der
sängerischen wie spielerischen Gestaltung ihrer Partie von packender
Rückhaltlosigkeit. Die Entwicklung ihrer Figur geht hemmungslos in die
Extreme und macht sie groß. Um so bedrückender, dass dieser Frau
in der konsequenten Zuspitzung der Lesart die Entscheidung des Freitodes
genommen ist. Abgerundet wird die gelungene Aufführung durch ein stimmiges
Ensemble mit Stefan Bley, Hans-Peter Struppe und Frank Ernst sowie einen
gut disponierten Chor (Einstudierung Myron Michailidis), Extra- und Kinderchor
(Milos Krejci) und die Neue Lausitzer Philharmonie. Langanhaltender Applaus,
trampeln und Hochrufe am Premierenabend zeigten, dass die Vorstellung auch
das Publikum zu begeistern wusste.
Zurück
zurück zur Hauptseite
Ausbildung - Inszenierungen - Inszenierungsfotos - Besprechungen
- Termine - links
- Kontakt