Sächsische Zeitung (Kultur ), 22.04.2003
PremiereFaszinierende Tragödie um eine an ihrer Liebe zerbrochenen Frau
Görlitzer Publikum feiert in der Kammerbühne „Apollo“ eine gelungene Symbiose von Liederabend und Kurzoper
Jens Daniel Schubert
Ostern entdeckt man gut versteckte, schöne Überraschungen. Im Görlitzer „Apollo“, der Kammerbühne im alten Kino, hatte am Ostersonntagabend „Frauenliebe und Leben/Die menschliche Stimme“ Premiere, das zu einem Geheimtipp werden könnte.
Schumanns Liederabend nach Chamisso-Texten ist in einer Kombination aus Gesang und Tanz, die einaktige Musiktragödie von Francis Poulenc auf einen Text von Jean Cocteau als packendes Musiktheater zu erleben. Beschreibt der romantische Liederzyklus das Werden einer Frau, das Erwachen und Reifen ihrer Liebe, konfrontiert die Kurzoper mit den verheerenden Auswirkungen einer gescheiterten Beziehung. Hier ist die Frau nur noch über Telefon mit dem Geliebten, der sich bereits von ihr getrennt hat, verbunden. Trauer, Hoffnung, Verzweiflung, Hysterie, Sehnsucht verdichten sich zu einer fesselnden Charakterstudie einer Gebrochenen, die mit und an ihrer Liebe stirbt.
Anregendes Experiment findet Zustimmung
Der gewaltige musikalische Bogen vom empfindsamen Lied bis zur expressiven Eindringlichkeit wird von Richard Anderson am Klavier und der Sopranistin Yvonne Reich hervorragend bewältigt. Die Sängerin vermag sich ganz zurück zu nehmen, die lyrischen Bögen klingen zu lassen um dann um so eindringlicher alle Facetten und Ausbrüche der verzweifelt Liebenden zu gestalten.
In der schlichten, assoziationsreichen Ausstattung von Paul Zoller hat Jan-Richard Kehl eine vielschichtige, durchweg fesselnde Inszenierung des Operneinakters geschaffen. Im ersten Teil steht neben der Sängerin die Tänzerin Christina Guimaras. Der Choreograph Franz Huyer hat die Lieder teils illustrativ, teils ausdeutend umgesetzt, die Tänzerin gestaltet das anmutig. Mir fehlt die konsequente Schlüssigkeit. Die Chance, Gesang und Tanz, die beiden Frauen – singend real und abgehoben, in einen schwebenden Plasikwürfel gleichsam eingehüllt – zueinander in Beziehung treten zu lassen, wurde viel zu wenig genutzt, es böten sich weit mehr Möglichkeiten, innere Vorgänge so sichtbar zu machen.
Dennoch ist es ein anregendes Experiment, ein fragiles, poetisches Vorspiel zur faszinierenden Tragödie danach. Lang anhaltender Beifall für alle Beteiligten, insbesondere die Sängerin, sollten ein Zeichen sein, dass auch diese Art von Theater in Görlitz ein begeistertes Publikum finden kann.
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