Freie Presse vom 18./19. Mai 1996

Figuren aus dem Lexikon

Premiere der "Riemannoper" von Tom Johnson am Annaberger Theater

Von unserem Mitarbeiter
Karl-Heinz Löbner

Wenn ein Komponist die Musik zu einer Oper schreiben will, muß ihm zuerst ein Textbuch vorliegen. Doch der amerikanische Komponist Tom Johnson, der seit 1983 in Paris lebt, hatte kein Libretto. Deshalb kam er auf die ungewöhnliche Idee, eine Oper mit Zitaten aus dem Musiklexikon von Hugo Riemann, einem Standardwerk der europäischen Musikliteratur, zu erfinden. Sein Kompositionsstil ist eine Art sogenannter Minimal Music mit wenigen motivischen Einfällen, vielen Tonwiederholungen und einigen witzigen Collagen aus bekannten Opern. Die Uraufführung der "Riemannoper" fand 1988 in Bremen statt.

Am diesjährigen Himmelfahrtstag gelangte Tom Johnsons "Riemannoper" am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg mit großem Erfolg zur Erstaufführung. Dieser Oper liegt keine Handlung zugrunde, von der normalerweise ein musikalisches Bühnenwerk lebt. Die vier Gesangssolisten spielen gewissermaßen ihre eigene Rolle und erklären mit den Mitteln der Musik und komödiantischem Spiel musikalische Begriffe aus dem Riemannlexikon. Es treten ein Bariton und ein Tenor, eine Primadonna und eine Primadonna assoluta auf. Die Begleitung der Sänger erfolgt nur mit Klavier. In der Annaberger Inszenierung wird der Pianist Norbert Schmitz, dem auch die musikalische Leitung obliegt, ins Bühnenspiel einbezogen.

Die Einstudierung ist eine Diplominszenierung von Jan-Richard Kehl, der damit sein Regiestudiurn abschließt. Er sprüht vor pointierten Regieeinfällen, die er aus der originellen Ausdeutung einzelner Worte gewinnt. Erklärt werden die Stimmgattungen und Gesangsrollen der vier Solisten, außerdem solche Begriffe wie Rezitativ, Arie und Leitmotiv. Zur Rachearie spielt ein Darsteller mit einer kleinen Guillotine, und bei der Erklärung der Barcarole wird ein kleines Segelschiffchen auf einem langen Abwasserrohr durch den Raum gezogen. Die Regie nutzt Windmaschine und Geräusche einer Klospülung, bezieht Okkultismus ein und läßt es zwischen den rivalisierenden Frauen auch mal zu Handgreiflichkeiten kommen, nachdem sie zunächst ihre Wut an Wäschestücken ausgelassen hatten.
Gespielt wird auf der Studiobühne, die sich in einen Kellerraum verwandelt hat, wo allerlei Gegenstände aufbewahrt werden. Hin und wieder tropft Wasser; nach einem Wolkenbruch steigt es bedenklich am Kellerfenster an. Das Klavier ist fast unmerklich in eine Betonwand eingebaut, als Klavierbank dient ein Brett auf zwei verstaubten Bücherstapeln (Ausstattung nach Entwürfen von Claudia Jenatsch).
Als die Darsteller bei den Begriffen Finale, Coda und Stretta die herumliegenden Utensilien aufräumen wollen, entsteht ein chaotisches Durcheinander. Bettina Corthy (Primadonna assoluta) und Adrienne Passen (Primadonna) sowie André Riemer (Tenor) und Andreas Scholz (Bariton) spielten und sangen überragend.
Zur freien Erfindung des Regisseurs gehören tontechnische Einspielungen (Verdi, Liszt) sowie ein Wärter als weitere Bühnenfigur (Hans-Jürgen Oppelt), der urkomisch für spannende Abwechslung und weitere erheiternde Auflockerung sorgt. Alles in allem eine intelligente Opernposse, die zur Annaberger Premiere begeisterten Beifall erhielt.
 
 

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