Figuren aus dem Lexikon
Premiere der "Riemannoper" von Tom Johnson am Annaberger Theater
Von unserem Mitarbeiter
Karl-Heinz Löbner
Wenn ein Komponist die Musik zu einer Oper schreiben will, muß ihm zuerst ein Textbuch vorliegen. Doch der amerikanische Komponist Tom Johnson, der seit 1983 in Paris lebt, hatte kein Libretto. Deshalb kam er auf die ungewöhnliche Idee, eine Oper mit Zitaten aus dem Musiklexikon von Hugo Riemann, einem Standardwerk der europäischen Musikliteratur, zu erfinden. Sein Kompositionsstil ist eine Art sogenannter Minimal Music mit wenigen motivischen Einfällen, vielen Tonwiederholungen und einigen witzigen Collagen aus bekannten Opern. Die Uraufführung der "Riemannoper" fand 1988 in Bremen statt.
Am diesjährigen Himmelfahrtstag gelangte Tom Johnsons "Riemannoper" am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg mit großem Erfolg zur Erstaufführung. Dieser Oper liegt keine Handlung zugrunde, von der normalerweise ein musikalisches Bühnenwerk lebt. Die vier Gesangssolisten spielen gewissermaßen ihre eigene Rolle und erklären mit den Mitteln der Musik und komödiantischem Spiel musikalische Begriffe aus dem Riemannlexikon. Es treten ein Bariton und ein Tenor, eine Primadonna und eine Primadonna assoluta auf. Die Begleitung der Sänger erfolgt nur mit Klavier. In der Annaberger Inszenierung wird der Pianist Norbert Schmitz, dem auch die musikalische Leitung obliegt, ins Bühnenspiel einbezogen.
Die Einstudierung ist eine Diplominszenierung von
Jan-Richard Kehl, der damit sein Regiestudiurn abschließt. Er sprüht
vor pointierten Regieeinfällen, die er aus der originellen Ausdeutung
einzelner Worte gewinnt. Erklärt werden die Stimmgattungen und Gesangsrollen
der vier Solisten, außerdem solche Begriffe wie Rezitativ, Arie und
Leitmotiv. Zur Rachearie spielt ein Darsteller mit einer kleinen Guillotine,
und bei der Erklärung der Barcarole wird ein kleines Segelschiffchen
auf einem langen Abwasserrohr durch den Raum gezogen. Die Regie nutzt Windmaschine
und Geräusche einer Klospülung, bezieht Okkultismus ein und läßt
es zwischen den rivalisierenden Frauen auch mal zu Handgreiflichkeiten kommen,
nachdem sie zunächst ihre Wut an Wäschestücken ausgelassen
hatten.
Gespielt wird auf der Studiobühne, die
sich in einen Kellerraum verwandelt hat, wo allerlei Gegenstände aufbewahrt
werden. Hin und wieder tropft Wasser; nach einem Wolkenbruch steigt es bedenklich
am Kellerfenster an. Das Klavier ist fast unmerklich in eine Betonwand eingebaut,
als Klavierbank dient ein Brett auf zwei verstaubten Bücherstapeln (Ausstattung
nach Entwürfen von Claudia Jenatsch).
Als die Darsteller bei den Begriffen Finale,
Coda und Stretta die herumliegenden Utensilien aufräumen wollen, entsteht
ein chaotisches Durcheinander. Bettina Corthy (Primadonna assoluta) und Adrienne
Passen (Primadonna) sowie André Riemer (Tenor) und Andreas Scholz
(Bariton) spielten und sangen überragend.
Zur freien Erfindung des Regisseurs gehören
tontechnische Einspielungen (Verdi, Liszt) sowie ein Wärter als weitere
Bühnenfigur (Hans-Jürgen Oppelt), der urkomisch für spannende
Abwechslung und weitere erheiternde Auflockerung sorgt. Alles in allem eine
intelligente Opernposse, die zur Annaberger Premiere begeisterten Beifall
erhielt.
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