Opernwelt 07/1998

Bei Spießers auf dem Sofa

Es scheint, als hätte die bevorstehende Schließung der Musiktheater in Frankfurt/Oder und Bautzen dort noch einmal eine Extraportion kreatives Potential freigesetzt. Die Inszenierungen von Jochen Biganzoli und Thilo Reinhardt in Frankfurt/Oder haben auch überregional positives Echo gefunden, und in Bautzen verficht Jan-Richard Kehl in seiner ersten und letzten Spielzeit als Operndirektor mutig die Errungenschaften des Regietheaters. Ein Kurs, mit dem er sich starken Widerständen gegenübersieht: Nicht nur reagierte die für Häuser dieser Größe überlebenswichtige Monopolpresse mit Unverständnis, auch das kooperierende Theater in Görlitz weigerte sich lange hartnäckig, Kehls umstrittene Inszenierung von Verdis «Räubern» zu übernehmen. Und dabei legt Kehl mit diesen «Räubern» eine durchdachte, in vielen Details überzeugende Version von beachtlicher Geschlossenheit vor.

Denn was auf den ersten Blick provokativ scheint, erweist sich bald als diskutables Grundkonzept: Kehl läßt seine «Räuber» in einer Siebziger-Jahre-Wohnstube mit Waldtapete, Sofas und Stehlampen spielen, verdeutlicht so geschickt Natursehnsucht und kleinbürgerliche Befangenheit der Familie Moor. Die Freiheit, für die der Wald steht, wird von vornherein als Illusion ausgestellt, selbst Karl möchte nur zu gern zur altvertrauten Anständigkeit zurückkehren. Seine Räuber sind eine eher zufällig zusammengewürfelte Schar mutmaßlich gescheiterter Nachbarsexistenzen, die erst im Stückverlauf an Gewalttätigkeit dazulernen. Daß diese Truppe dann in ihrer Chorszene des dritten Aktes hemmungslos mordet, wirkt da um so beklemmender. Der Schritt von Karl zu Franz bleibt angesichts des gemeinsamen Spießerhorizontes klein, beide tragen den gleichen Anzug, schnell ist auch Karl wieder mit der Krawatte bei der Hand, wenn er sich nach seinem Elternhaus sehnt.

Um Draußen und Drinnen scheren sich Kehl und seine Ausstatterin Ulrike Siegrist dabei wenig. Geringfügige Modifikationen reichen hier aus, um Szenenwechsel zu verdeutlichen - mal wird die Bühnenrückwand einfach umgekippt,

mal schiebt Karl einfach von der Seitenbühne ein Sofa herein. Nie versucht Kehl, große Oper vorzutäuschen, die Wohnzimmerdeko paßt sich den beengten Verhältnissen der Bautzener Bühne auf quasi naturalistische Weise an. Etwas blaß bleibt angesichts der auf Karl zentrierten Optik vor allem Amalia. ihre wehrlose Stellung im gräflichen Haushalt malt Kehl nicht weiter aus, er läßt sie einfach da sein. Ihre Flucht von der Beerdigung des alten Moor und das anschließende Duett mit Franz hätten durch die stärkere Profilierung ihrer ausweglosen Situation sicher noch an Spannung gewinnen können - so irrt sie während des Aktvorspiels nur planlos suchend unter der Beerdigungsgesellschaft herum wie Elisabeth unter den Rompilgern.

Danuta Debski liefert in dieser Jenny Lind-Paraderolle vokal leider nur die halbe Miete: Einer gut funktionierenden, beweglichen Höhe steht ein nur halb beherrschtes tiefes Register gegenüber, das zum Ausgangspunkt für manche Fehlintonation wird. Noch vor den zuverlässigen Thomas Ogilvie als Vater Moor und Elmar Andree als Franz, die beide in der Höhe leicht an Focus verlieren, macht in Bautzen der Karl von Daniel Mucedu Eindruck. Die Stimme hat Schmelz, verliert nur im Piano etwas an Glanz, die Tongebung ist klar und intonationssicher, die Phrasierung geschmackvoll und musikalisch mit flexiblem Legato - insgesamt bestätigt die akzeptable bis hervorragende Besetzung aller Partien das in Bautzen

praktizierte Stagione-Verfahren, bei dem das Ensemble für jedes Stück gesondert zusammengestellt wird. Dirigent Friedemann Schulz sorgt am Pult für dramatische Zugkraft und gute Balance zur Bühne, liefert ein durchweg sängergerechtes Dirigat, das schon allein handwerklich von beruhigender Sicherheit ist.

Jorg Königsdorf
 

Verdi: Die Räuber.
Premiere am 26. März, besuchte Vorstellung am 30. April 1998. Musikalische Leitung:Friedemann Schulz, Inszenierung: Jan-Richard Kehl, Ausstattung: Ulrike Siegrist, Chor: Anita Däbritz. Solisten: Thomas Ogilvie (Moor), Daniel Mucedu (Karl), Elmar Andree (Franz), Danuta Debski (Amalia), Peter Koppelmann (Hermann), Heimir Wium (Moser), Alfred Feilhaber(Roller) u. a.

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