Sächsische Zeitung (Kultur ), 10.11.2003
PremiereGlücklich geschieden
Musical „Wie werde ich reich und glücklich“ seit Sonnabend im Görlitzer
Theater zu erleben
Sylvia Ottenberg
Reich werden – nichts leichter als das, denn Kleider machen Leute oder
die Fassade ist alles... Im Theater ist‘s möglich: Männer und Frauen
umschwirren wie Motten eine große blaue Glückskugel, im Hintergrund
an der Wand ein Spielautomat und eine Werbung der Bildzeitung mit dem Porträt
des Dalai Lama: „An alle, die unglücklich sind“. Dazu kamen die jeweils
eingeblendeten Szenenüberschriften sowie einige weitere Requisiten
des eher spartanisch wirkenden Bühnenbildes (Jutta Spitzer). Vor Beginn
der Handlung üben der Conferencier (Stephan Gogolka) und seine Partnerin
(Barbara Siegel) – beide sind später in verschiedenen Rollen zu erleben
– mit dem Publikum Lachen und Applaudieren.
Dann beginnt das Spiel. Der arbeitslose Kibis (Frank Ernst) will nach
Anleitung aus einer Broschüre reich werden. Er kleidet sich neu, wird
mit einem wohlhabenden Fabrikanten verwechselt und daraufhin zu Geheimrat
Regen (Stefan Bley), einem Autohändler, eingeladen. Marie (Anja Meyer),
dessen Tochter, besitzt die gleiche Broschüre. Sie, bereits reich,
will glücklich werden. Unzufrieden mit Lohrenz (Hans-Peter Struppe),
ihrem stets von seinen Geschäften unabkömmlichen Liebhaber, heiratet
sie kurzerhand Kibis, der seinerseits seine Freundin Liz (Katharine Hannah
Weber) sitzen lässt. Die Scheidung des Paares folgt auf dem Fuße.
Beide scheinen - so will uns das Stück wohl sagen – ihr Glück
bei ihren früheren Partnern zu finden.
Das ist in Kürze die simple Geschichte (Libretto: Felix Joachimson)
der Musicalrevue des polnischen Komponisten Mischa Spoljansky, die 1930 unter
dem Titel „Wie werde ich reich und glücklich“ in der Komödie am
Kurfürstendamm uraufgeführt wurde. Spoljansky, gefragter Autor
im Berlin der „goldenen Zwanziger“, spielte und komponierte zusammen mit Friedrich
Hollaender für die bekanntesten Kabarett-Interpreten seiner Zeit.
Doch was damals den Nerv des Publikums traf, hat das heute, ein dreiviertel
Jahrhundert später, noch eine Chance? Warum inszenierte Jan-Richard
Kehl dieses wenig originelle Spektakel mit ein paar netten Liedern (keines
davon hitverdächtig) für das Görlitzer Theater? Sicher, Parallelen
zum Heute lassen sich finden („Geld ist da genug, nur falsch verteilt“).
Auch begleitet ein kräftiges Augenzwinkern rührselige, ja einfältige
Episoden („Ach er hasst, dass ich ihn liebe“), und die zerplatzte Glückskugel
trübt das Happy-End, doch macht all das den geringen inhaltlichen Tiefgang
nicht wett.
Bleibt der Unterhaltungswert: für die Ohren durchweg gute sängerische
Leistungen, die um so beachtlicher schienen, da oft gleichzeitig getanzt
wird. Dazu eine mitreißend musizierende Neue Lausitzer Philharmonie
unter Milos Krejci, die sich ausgezeichnet auf den Ton der damaligen Berliner
Kabarett- und Revueszene verstand. Der Genuss für die Augen: neben den
fantasievollen Kostümen (Anette Braun) etliche Showtänze, die das
Görlitzballett (Choreografie: Silvia Zygouris) mit aller Präzision
beeindruckend in Szene setzte. Allerdings kam das Geschehen erst so richtig
in Fahrt, als die Scheidung von Marie und Kibis beschlossene Sache war (siebente
Szene).
Die Show mündete in eine Schlussszene voller Aktion und Turbulenzen,
die von dem bis dahin mit Applaus eher zurückhaltenden Publikum heftig
und herzlich beklatscht wurde.
Prächtige Kostüme, gute Showtänze, mitreißende Musik:
In Görlitz wird wieder zum Musical eingeladen.
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