Opernwelt 02/1999
Kommentar

Wer in Sachsen richtig Kultur und Musik genießen will, der kann jederzeit nach Dresden fahren, wo die Musen auf allerhöchstem Niveau ihre Kunst zelebrieren: Semperoper, Staatskapelle, Philharmonie, Staatstheater, Schloßtheater...

So denkt der Landeshauptstädter, allen anderen voran die sächsischen Finanzgewaltigen, und die belassen das viele schöne Geld, das staatlicherseits für Kultur ausgegeben wird, am besten gleich vor Ort an der Elbe. Ausnahmen wie die 1. Sächsische Landesausstellung, die ein führendes Mitglied der Landesregierung im eigenen Kamenzer Wahlkreis plaziert hat, bestätigen nur diese Regel. Was sich im Umland, etwa der Oberlausitz, dem Vogtland oder der Dübener Heide abspielt, ist kulturell kaum von Bedeutung und wird in der Metropole nicht wahrgenommen. Dort setzt man rigoros auf ein paar Leuchttürme, die in Dresden, Leipzig und, wenn es hochkommt, Chemnitz flackern dürfen. Der Rest des Landes bleibt im Dunkel gehüllt.

Die schöne Idee vom sächsischen Kulturraumgesetz, nie akkurat in die Praxis umgesetzt, ist einer Art «Notopfer Kultur» gewichen. Zum Leben ist es oft zu wenig, also wird, wenn's gar zu dünne kommt, totgeschrumpft und ordentlich gestorben. Nach über zweihundert Jahren Musiktheater in Bautzen, wo beispielsweise in der Saison 1805 dreißig verschiedene Opern von Mozart über Dittersdorf bis Salieri zu erleben waren, ist jetzt zum letzten Mal der Vorhang für eine eigene Operninszenierung hochgegangen und schlußendlich gefallen. Jetzt hat jener provinzielle Übermut, der nicht zuletzt die Extraklasse dieser sächsischen Region ausmachte, ein Ende gefunden. Kein Carl Maria von Weber kann jetzt nach Bautzen gelockt werden, wo er seinerzeit am 28. November 1822 die Premiere seines «Freischütz» erleben durfte. Von den Talenten, die das Theater von Bautzen als Sprungbrett für bedeutende Sängerkarrieren genutzt haben, einmal ganz zu schweigen. Nichts hat es genützt. Auch das kostengünstigere und sogar qualitätssteigernde Stagione-Modell war, statt Schule zu machen, in Bautzen für die Katz eingeführt worden.

Jetzt gibt es bloß Oper auf Weltniveau in Dresden, das muß reichen für den kulturbeflissenen Bautzener Bürger. Soweit, und so schlecht eben. Gastspiele wird es möglicherweise geben, aber hier weiß man nichts genaues noch nicht. Daß im östlich von Bautzen gelegenen Görlitz tatsächlich noch ein regionales Musiktheater existiert, ist zwar wahr, hat aber für den Bautzner Operngänger kaum eine Bedeutung - da ist er dann an Dresden tatsächlich näher dran.

Dummerweise ergab es sich nun, daß nahezu zeitgleich in Dresden und Bautzen Puccinis «Il trittico» (in Bautzen ohne «Suor Angelica») Premiere hatte. Und siehe da, in der Provinz wurde das eindeutig bessere Theater gemacht. Die Inszenierung von Jan-Richard Kehl war handwerklich sauber gearbeitet, offenbarte eine feine psychologische Personenführung war in «Gianni Schicchi» gespickt mit humoristischen Kabinettstückchen. Udo Samels, Inszenierung an der Semperoper hingegen glänzte durch einen Mangel all dessen, was Oper spannend machen kann. Seltsamerweise hatte dies letztlich sogar Auswirkungen auf die Musikempfindung. Daß mit der Sächsischen Staatskapelle das eindeutig bessere Orchester in Dresden agierte, kann zwar nicht bestritten werden, aber dennoch fühlte man sich sogar musikalisch in Bautzen besser aufgehoben, weil vermittels der guten und intelligenten Szene den Intentionen Puccinis wesentlich besser genüge getan wurde. Kehl zeigte im «Mantel», keine Angst vor dem großen Gefühl und ließ einer prallen Sinnlichkeit ihren freien Lauf. Nur so macht das Stück ja einen Sinn. Und wie in «Gianni Schicchi» urplötzlich die wunderbare Katastrophe in Gestalt einer unschlagbaren Zugaben-Kavatine (Laurettas «0 mio babbino caro») einbricht, um den lustig-makabren Treiben eine Atempause zu gönnen, war beispielhaft gut gelungen. Auch was als Sängerleistungen geboten wurde, war durchweg passabel. Mit Daniel Mucedu (Luigi, Rinuccio), Garegin Hovsepian (Michele, Schicchi), Danuta Debski (Giorgetta, Nella) oder Ines Wilhelm (Lauretta) erlebte man gute Stimmen, die Puccini nichts schuldig blieben. Darüber hinaus waren sie auch als Darsteller prächtig anzuschauen.

So konnten am 10. Januar 1999 ein letztes Mal sogar Dresdner Opernfans nach Bautzen pilgern, um zu erleben, wie so ein Puccini richtig auf die Bühne gestellt wird. Eine Lehrstunde, deren letztes Stündlein nunmehr also geschlagen hat. Schade und peinlich für das angebliche Kulturland Sachsen über alle Maßen.

Gottfried Blumenstein
 
 

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