Die Masse besiegt oft den Charme
Premiere eines selten gespielten Werkes von Jules Massenet
Von Irene Tüngler
Man kann es fast großartig nennen, dass Görlitz ein so selten gespieltes Ausnahmewerk auf die Bühne gestellt hat. Ein Orchester ist dazu nötig, das mit hingetupften Farben zu spielen versteht und oft unvermittelt aufblühen kann. Immer aber gehört Schmelz auf den Klang, nie geht es etwa um die pure Gewalt der Emotion. Sänger muss man haben, die den Schwierigkeiten extremer Lagen und den Leichtigkeiten kapriziösen Parlandos gewachsen sind.
Leidenschaft und Verzweiflung
Manon und ihr Liebhaber Des Grieux müssen sich in ihrer Passion verlieren können, aber auch immer in der Unbesorgtheit des Irgendwie-wird-es-schon-werden leben. Puccini, der andere Komponist des "Manon"-Stoffes, drückte den Unterschied zu seiner Manon so aus: "Massenet wird eben französisch erfühlt - Puderquaste und Menuett; die meine italienisch -Leidenschaft und Verzweiflung".
Und genau in diesem kleinen Unterschied lag das Görlitzer Problem. Leidenschaft und Verzweiflung waren gerade noch zu machen, aber die Puderquaste blieb über weite Strecken unauffindbar. Es begann bei der Neuen Lausitzer Philharmonie unter der Leitung von Christof Escher. Tempi gut gewählt, sauber musiziert. Aber: Schon in der Ouvertüre musste sich der Charme durch die Masse für besiegt erklären. Die Cello-Liebesmelodie, die den jungen Des Grieux durch das Werk begleitet: warum so laut, so direkt, so ohne Delikatesse?
Wie es sein könnte, demonstrierte der Klarinettenspieler, der - sehr französischer Einfall - auf der Bühne, auf einer Bahnstation musizierte. Gleich werden der Student Des Grieux und die hübsche 16jährige Manon einander kennenlernen.
Apropos Bahnstation: erster Auftritt für den Chor, und der ist in Görlitz jeden Beifall wert. Es wird überzeugend gesungen und dazu mit Disziplin, Hingabe und Temperament gespielt. Jan-Richard Kehl inszenierte, nein choreografierte die Jagd nach dem Mitropa-Menü und dem Fensterplatz: ein halsbrecherisches Rundstreckenrennen mit Gepäck, immer unter Absturzgefahr am Rande der Rampe entlang. Genauso gut die Szene der vom neuen Prediger entflammten Kirchgängerinnen in Saint Sulpice - Des Grieux hat sich entschlossen, der Welt zu entsagen, als Manon ihn für einen reichen Verehrer verriet und verließ - und die große Szene des Chores im Spielcasino, als die zu Des Grieux zurückgekehrte Manon ihn und sich ins Verderben reißt.
Die kleineren Solopartien, ein Herren- und ein sehr bewegliches und attraktives Damentrio, waren stimmlich unterschiedlich gut, aber insgesamt akzeptabel besetzt.
Das große Problem war Maria Kokka in der Titelpartie. Sie hat das fragile Aussehen einer Frau, die an der Liebe und den Strapazen einer Deportation sterben kann. Außerdem hat sie ein ausgeprägtes Forte für ihre Spitzentöne. Der nicht unbeträchtliche Rest ihrer Rolle ist exaltiertes Gehabe und ein fast unhörbares Ungefähr von Tönen.
Besser von Auftritt zu Auftritt
Robert MacLaren als Des Grieux sang sich von Auftritt zu Auftritt besser
in seine Partie hinein. Die Figur war sympathisch geführt; ein bisschen
strahlender Tenorheld war dem tragisch liebenden jungen Mann beigemischt
- und umgekehrt. Hier konnte man begreifen, was Massenet wollte. Großer
Jubel beim Publikum.
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