Der frühe Tod im Bahnhof
Massenets Oper "Manon" feierte Premiere im Görlitzer Haus
Von Sebastian Beutler
Die Bilder wechseln. Doch im Grunde verlassen Manon und ihr Geliebter
Des Grieux In der Görlitzer Inszenierung von Massenets Oper "Manon"
den Bahnhof der Eingangsszene nie. Ob in der heimischen Stube, im großen
Festsaal oder im Kirchenraum - immer findet sich ein Teil des Bahnhofs wieder.
Dort begegnen, sie sich zufällig, dort stirbt Manon ganz berechnet.
Mit dem Bahnhof fand Stefan Heyne, der für die Oper die Bühne
baute, eine gelungene Chiffre, die für die Summe des Werkes steht.
Manon giert nach dem Leben
Als Gleichnis ist sie nämlich gut geeignet für die Atemlosigkeit
des Lebens der Hauptdarstellerin. Manon ist lebensbegierig sie schlingt
alles in sich hinein, und erlebt in der kurzen Zeit mehr, als manch anderer
in seinem Leben verträgt: Klostereinweisung, Flucht, Leben in nicht
viel mehr als einer Bude, Verrat, Feste, Liebe und Spielsucht, Gefängnis,
Entbehrungen und Tod. Das alles verkörpert im Zeitraffer die Griechin
Maria Kokka in der Hauptrolle: Den Stimmungswechseln geht sie in frappierender
Art nach. Ihre Kraftausbrüche, die sie Stimme und Körper abringt,
sind ebenso eindrucksvoll. Ein schöner Gesang entsteht dadurch nicht,
aber ist das eine schöne Rolle?
Massenets Oper "Manon" ist kein durchdachtes Gesamtkunstwerk, es
kennt keine Charakterbilder, son-dern schildert in Episoden die Ge-schichte
der Manon, die aus der Provinz nach Paris kommt und dort ihre große
Liebe genauso wie die große Enttäuschung findet. Das macht dieses
Stück durchaus schwer zu inszenieren.
Soll man es ganz auf das Liebespaar zuschneiden? Oder soll man sich bei
der Regie eher auf das Sittengemälde verlegen, in dem Manon und ihr Geliebter
nur ganz zufällig auftauchen? Praktisch beliebig austauschbar. Der junge
Regisseur Jan-Richard Kehl hat diesen Widerspruch gefühlt und versucht,
ihm sich durch das einfache Erzählen der Geschichte zu entziehen. Es
ist ihm über weite Strecken gelungen.
Gute Görlitzer Besetzungsliste
Dazu beigetragen hat die gute Görlitzer Besetzungsliste. Da gibt
es den enttäuscht-abgewandten Stefan Bley als Vater von Des Grieux,
Hans-Peter Struppe als spielfreudig-wankelmütigen Vetter Manons, Frank
Ernst als nachtragend-selbst-überzogener Guillot und Volker Maria Rabe
als ein großspurig-dunkler Bretigny. Nicht zu vergessen sind die drei
Damen Gabriele Rösel, Ute Lepetit und Anne-Carolyn Schlüter. Und
schließlich der Chor, den Myron Michailides auf seine große Aufgabe
bestens vorbereitet hat. Selbst wenn, packende und zwingende Bilder selten
sind, kann Kehl den Konflikt um Manon beispielhaft an einigen Punkten ausloten.
So im zweiten Bild, wenn sich Robert MacLaren in der Rolle des Des Grieux
Ins Paradies singt und über ihm auch noch leibhaftig das Paradies auf
eine Plastikfolie geworfen wird. Hier kommt die auseinander driftende Lebensplanung
der bei-den zum Ausdruck: Des Grieux freut sich auf das Glück zu zweit,
Manon kennt diese Bescheidenheit nicht. MacLaren spielt den Des Grieux
ähnlich kompetent wie schon den Werther, mit dem er in GörIitz
an der Seite von Ulrike Kobalz begeisterte. Auch diese lyrische Tenorpartie
ist ihm wie auf den Leib geschneidert.
Den eigentlichen Regie-Einfall kann das alles aber nicht erklären: Warum nur hat Kehl die Handlung aus der galanten Zeit des 18. Jahrhunderts in die unruhigen 20er Jahre dieses Jahrhunderts versetzt, wo der Ausweg aus Liebesnot und Gesellschaftsbruch nun wirklich nicht darin bestand ins Kloster oder zur Kirche zu gehen.
Regie-Einfall im Kontrast zur Musik
Doch genau aus dieser Konstellation schöpft "Manon" ein gerüttelt Maß an Dramatik, die in Kehls Sicht versickert. Auch steht die sehr zurückgenommene Ausstattung (Ulrike Stelzig-Schaufert) in krassem Kontrast zu der üppig ausmalenden Musik Massenets, die Christof Escher der Neuen Lausitzer Philharmonie im Orchestergraben zu entlocken vermag.
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