Görlitzer Zeitung vom 11. November 1999

Der frühe Tod im Bahnhof

Massenets Oper "Manon"  feierte Premiere im Görlitzer  Haus

Von Sebastian Beutler

Die Bilder  wechseln. Doch im Grunde verlassen Manon und ihr Geliebter Des Grieux In der Görlitzer Inszenierung von Massenets Oper "Manon" den Bahnhof der Eingangsszene nie. Ob in der heimischen Stube, im großen Festsaal oder im Kirchenraum - immer findet sich ein Teil des Bahnhofs wieder. Dort begegnen, sie sich zufällig, dort stirbt Manon ganz berechnet.
Mit dem Bahnhof fand Stefan Heyne, der für die Oper die Bühne baute, eine gelungene Chiffre, die für die Summe des Werkes steht.

Manon giert nach dem Leben

Als Gleichnis ist sie nämlich gut geeignet für die Atemlosigkeit des Lebens der Hauptdarstellerin. Manon ist lebensbegierig sie schlingt alles in sich hinein, und erlebt in der kurzen Zeit mehr, als manch anderer in seinem Leben verträgt: Klostereinweisung, Flucht, Leben in nicht viel mehr als einer Bude, Verrat, Feste, Liebe und Spielsucht, Gefängnis, Entbehrungen und Tod. Das alles verkörpert im Zeitraffer die Griechin Maria Kokka in der Hauptrolle: Den Stimmungswechseln geht sie in frappierender Art nach. Ihre Kraftausbrüche, die sie Stimme und Körper abringt, sind ebenso eindrucksvoll. Ein schöner Gesang entsteht dadurch nicht, aber ist das eine schöne Rolle?
 Massenets Oper "Manon" ist kein durchdachtes Gesamtkunstwerk, es kennt keine Charakterbilder, son-dern schildert in Episoden die Ge-schichte der Manon, die aus der Provinz nach Paris kommt und dort ihre große Liebe genauso wie die große Enttäuschung findet. Das macht dieses Stück durchaus schwer zu inszenieren.
Soll man es ganz auf das Liebespaar zuschneiden? Oder soll man sich bei der Regie eher auf das Sittengemälde verlegen, in dem Manon und ihr Geliebter nur ganz zufällig auftauchen? Praktisch beliebig austauschbar. Der junge Regisseur Jan-Richard Kehl hat diesen Widerspruch gefühlt und versucht, ihm sich durch das einfache Erzählen der Geschichte zu entziehen. Es ist ihm über weite Strecken gelungen.

Gute Görlitzer Besetzungsliste

Dazu beigetragen hat die gute Görlitzer Besetzungsliste. Da gibt es den enttäuscht-abgewandten Stefan Bley als Vater von Des Grieux, Hans-Peter Struppe als spielfreudig-wankelmütigen Vetter Manons, Frank Ernst als nachtragend-selbst-überzogener Guillot und Volker Maria Rabe als ein großspurig-dunkler Bretigny. Nicht zu vergessen sind die drei Damen Gabriele Rösel, Ute Lepetit und Anne-Carolyn Schlüter. Und schließlich der Chor, den Myron Michailides auf seine große Aufgabe bestens vorbereitet hat. Selbst wenn, packende und zwingende Bilder selten sind, kann Kehl den Konflikt um Manon beispielhaft an einigen Punkten ausloten.
So im zweiten Bild, wenn sich Robert MacLaren in der Rolle des Des Grieux Ins Paradies singt und über ihm auch noch leibhaftig das Paradies auf eine Plastikfolie geworfen wird. Hier kommt die auseinander driftende Lebensplanung der bei-den zum Ausdruck: Des Grieux freut sich auf das Glück zu zweit, Manon  kennt diese Bescheidenheit nicht. MacLaren spielt den Des Grieux ähnlich kompetent wie schon den Werther, mit dem er in GörIitz an der Seite von Ulrike Kobalz begeisterte. Auch diese lyrische Tenorpartie ist ihm wie auf den Leib geschneidert.

Den eigentlichen Regie-Einfall kann das alles aber nicht erklären: Warum nur hat Kehl die  Handlung aus der galanten Zeit des 18. Jahrhunderts in die unruhigen 20er Jahre dieses Jahrhunderts versetzt, wo der Ausweg aus Liebesnot und Gesellschaftsbruch nun wirklich nicht darin bestand ins Kloster oder zur Kirche zu gehen.

Regie-Einfall im Kontrast zur Musik

Doch genau aus dieser Konstellation schöpft "Manon" ein gerüttelt Maß an Dramatik, die in Kehls Sicht versickert. Auch steht die sehr zurückgenommene Ausstattung (Ulrike Stelzig-Schaufert) in krassem Kontrast zu der üppig ausmalenden Musik Massenets, die Christof Escher der Neuen Lausitzer Philharmonie im Orchestergraben zu entlocken vermag.

zurück zur Hauptseite

AusbildungInszenierungenInszenierungsfotos - Besprechungen - Terminelinks - Kontakt