Sächsische Zeitung vom 6. April 1999

Von Schlössern, die im Monde liegen
Gefeierte Premiere von Paul Linckes "Frau Luna" am Deutsch-Sorbischen Volkstheater

Von Karsten Blüthgen

Um Ostern machte man in Bautzen viel Theater. Landschaften aus Klavierklängen und verlesenem Wort wurden "vom Eise befreit", das mit dänischen Ikonen ornamentierte Theaterfoyer hieß Olsenbande und Gäste willkommen. Und schließlich gab es am Sonntag mit "Frau Luna" von Paul Lincke noch einmal eine Premiere. Daß sie das Finale von 202 Jahren Bautzner Musiktheater einläutete, steht nach dem Kulturkonventsbeschluß, der die Fusion mit dem Görlitzer Theater besiegelte, unwiderruflich fest.

Schlager und Possen gegen den Weltschmerz

Mit der Lincke-Operette inszenierten Jan-Richard Kehl und Stefan Petraschewsky Theater, das nicht auf Tränendrüsen drückt, sondern Optimismus versprüht. "Ist die Welt auch noch so schön, einmal muß sie untergehen", derartige Sätze tragen schon sarkastische Züge. Aber, beschwingt gleitende Schlagerträume schienen dem Abschied eben angemessener als erdenschwere Realsatire, die den Weltschmerz nur noch größer macht.

Urplötzlich sind wir beim Traum vom Fliegen, bei einem Thema, das vor 100 Jahren auch den Berliner Fritz Steppke dazu bewegte, einen Stratosphärenballon für eine Mondfahrt zu basteln. Sein Willen, etwas noch "nie Dagewesenes" auf die Beine zu stellen, bringt ihn aber in Konflikt mit seiner Liebsten Marie. Thorsten Hennig als Steppke läßt den zwischen seinen Welten hin- und hergerissenen Mechaniker aufleuchten, Julia Henning als bodenständige Marie fleht eindringlich: "Um im Glück dich einzuwiegen, hast Du auf der Erde Platz!" Zunächst erfolglos, denn im Traum fliegt Steppke doch und trifft auf dem Mond Frau Luna. Nach der tristen Berliner Wohnung schillert das Bühnenbild jetzt Lunas Glimmersphäre. Steppkes Traum erlebt seinen Höhepunkt und platzt zugleich, als Luna ihn verführt. Indem er erwacht, wird Luna zur Maria. Mit der Doppelrolle als kleines "Extra" gelang es dem Inszenierungsteam, Steppkes Traum nicht völlig der Realität zu opfern.

Sehr gelungen schien mir auch die Wahl der übrigen Darsteller, sängerische "Ausfälle" konnte ich ebensowenig finden. Rainer Gruß bot einen überzeugenden Theophil, eine waschechtere "olle" Witwe Pusebach, als sie Birgitt Baumann darstellte, kann ich mir nur schwer vorstellen. Mit Linckes markant marschmäßiger, eben Berliner Musiksprache hatte die Neue Lausitzer Philharmonie unter Manfred Grafe keinerlei Auffassungsprobleme. Evergreens wie "Das macht die Berliner Luft" bewegt heute auch ein nicht-hauptstädtisches Publikum zum ausgelassenen Mitklatschen, das noch vor zehn Jahren bei dieser Art Lokalpatriotismus möglicherweise Bauchschmerzen bekommen hätte.
 
 

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