Gaetano Donizetti
Der Liebestrank
Sächsische Zeitung
Montag, 2. Dezember 2002
Ein Hauch von Semper am Ufer der Neiße
Donizettis „Der Liebestrank“ wurde in Görlitz
gefeiert
Von Jens Daniel Schubert
Mit stürmischem Beifall und vielen
Bravos wurde am Sonnabandabend in Görlitz die Premiere der Komischen
Donizetti-Oper „Der Liebestrank“ gefeiert. Als müssten sie ihrem Ruf,
durch die Rekonstruktion des Hauses zur „kleinen Semperoper“ geworden zu
sein, nun auch mit Stimmglanz entsprechen, stellten die Görlitzer die
selten gespielte Oper auf die Bühne, die vor allem durch ein paar strahlende
Belcanto-Nummern bekannt ist.
Sie konnten adäquate Sänger für die Rollen verpflichten.
Insbesondere der junge Tenor Yosep Kang musste Vergleiche mit den großen
Stars nicht fürchten. Mit Leichtigkeit, Stimmschönheit und Durchschlagkraft
trug er als Nemorino wesentlich zu dem gelungenen Unterfangen bei. Neben
ihm in der Rolle des liebestrankabhängigen Träumers überzeugte
Daniela Bruera als angebetete Geliebte Adina. Gerade zum Ende steigerte sich
die Sängerin, zeigte Stimmkraft und gefühlvolle lyrische Töne
gleichermaßen. Nemorinos Nebenbuhler Belcore wurde von Hans-Peter Struppe,
der Liebestrankverkäufer Dulcamara von Bernd Gebhardt gegeben. Beide
ließen sich von der glänzenden Gesangskunst der Protagonisten
mitreißen.
Für Gianetta, eigentlich dienende Randfigur, hat sich die Regie (Jan-Richard
Kehl) etwas ganz Besonderes ausgedacht. Barbara Siegel spielt sie als eine
Nemorino anhänglich liebende Frau. Wenn sich der konzeptionelle Kreis,
die ganze Geschichte als einen Traum von der verlockend schönen Nachbarin
Adina zu spielen, schließt und Nemorino wieder in seinem Bett erwacht,
liegt Gianetta neben ihm - eine durchaus hübsche Alternative.
Die Traumidee wurde in einer praktikablen, fantasievollen und neuzeitlichen
Ausstattung von Paul Zoller treffend umgesetzt. Sie gibt der Regie viel Spielmaterial
in die Hand, und Kehl weiß das an vielen Stellen urkomisch und witzig
auf die Musik bezogen zu nutzen. Seine Protagonisten sowie der Theater-,
Extra- und Coruso-Chor (Einstudierung Myron Michailidis) lassen sich anstecken.
So gibt es nur wenige, im ersten Teil konzentrierte, „Längen“. Diese
sind nicht nur inszenatorisch bedingt. Der insgesamt überzeugenden Leistung
von Leo Siberski am Pult fehlte just an diesen Stellen der überflügelnde
Esprit und die packende Dramatik.
Unkonventioneller Zugriff auf italienische Oper
Dass man diese in der Musik Donizettis finden kann, bewies er mit den
Sängern und der frisch aufspielenden neuen Lausitzer Philharmonie im
Laufe des Abends aber immer deutlicher. Der Versuch, sie bei der effektvollen
Auftrittsarie des Dulcamara durch Modernismen und aufgesetzte Rhythmisierung
zu „aktualisieren“, erschien aber überflüssig. Ein unkonventioneller
und „heutiger“ Zugriff auf die italienische Oper hat in Görlitz gute
Tradition. Nun ist ein sehens- und vor allem hörenswerter Mosaikstein
dazugekommen.
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