John
Kander
Kuss der Spinnenfrau
"Kuss der Spinnenfrau" in Eisenach
Wenn knallharte Realistik, tragikomische Fantastik, Sentiment
und perfekte Show sich begegnen, ist Amerika nicht weit. Eisenach holte
es nach Thüringen, indem das Theater mit großem Aufwand das
Musical "Kuss der Spinnenfrau" von John Kader, Fred Ebb und Terrence McNally
inszenierte. Am Wochenende erlebte es seine erfolgreiche Premiere.
Selbst wenn es nicht in den Bestand der Lieblingsstücke
dieses oder jenes (älteren) Premierengastes eingehen sollte, gelangweilt
hat sich in Eisenach ganz gewiss niemand.
Es gab vieles, das einen fesselte, etwa die disziplinierte Artistik
des Tänzerischen, der von Mikrophonen verstärkte Sound stimmstarker
Vokalisten, der musikalische Duo- und Ensemblesatz, die schnulzig bis spritzig
spielenden Instrumente, die Dialoge oder die aufregende Bühnentechnik.
Das begeisterte Publikum folgte dem unfreiwilligen Zusammentreffen eines
schwulen und überspannten, in einer Traumwelt lebenden Hollywood-Fans
mit einem eher asketischen Gesinnungsgenossen der Revolution in einer (südamerikanischen)
Gefängniszelle. Der eine, Molina, ist von Beruf Schaufensterdekorateur
und sitzt wegen Verführung eines Minderjährigen ein. Er sucht
die menschliche Nähe des anderen, ohne dessen politische Haltung zu
teilen. Dieser andere, Valentin, weist den Mithäftling schroff zurück,
spürt aber bald, dass jener, auf dessen Hilfe er angewiesen ist, charakterlich
nicht zu den Schlechtesten gehört. Wobei Molinas ausgeprägte Mutterbindung
von der Gefängnisbehörde ausgenutzt wird, um ihn zur Bespitzelung
Valentins zu erpressen.
Eine dramatische Geschichte nimmt ihren Lauf. Und es liegt in
der Natur der Sache, dass darin zwei Frauen vorkommen. Aurora, Molinas
Filmidol und zugleich die Titelfigur, zieht ihr Verderben bringendes Netz
über die Männerwelt. Valentins Liebe wiederum gehört einzig
und allein seiner Marta. Zur jeweiligen Partnerin finden die beiden imaginäre
Kontakte. Am weitesten schlägt das Pendel von der Imagination in Richtung
brutalster Realität in Momenten zynischer Demütigung durch den
Aufseher (Ernst Volker Schwarz) und die Wärter (Michael Brieske und
Helmut Kleinen). Wenn es in diesem Stück so etwas wie einen moralischen
Imperativ gibt, dann kann er, abgeleitet von den Psychogrammen Molinas
und Valentins, nur lauten: Mitmenschliche Solidarität geht über
Ideologie.
In die Traumwelt eingebunden sind in Eisenach zwei wichtige
Gesangskräfte: Monika Dehler als Molinas Mutter und Krista Kujala
als Valentins Liebste Marta. Ganz oben in der Rangliste der Darsteller
ist der Amerikaner Gaines Hall als Molina zu nennen. Ein Allroundman wie
er im Buch steht. Er singt, tanzt, spricht und schauspielert auf hohem
Niveau und trägt umwerfend die Tragikomik seines Schicksals. Als Sängerin
und Tänzerin überzeugt Jackie Lowe in der Rolle der Aurora nicht
minder. Thomas Christ ist der stärker leidende, eher introvertierte
Valentin, der Molinas Dominanz letztlich gern erträgt.
Hinter der Inszenierung steht eine Meisterleistung von Regisseur
Jan-Richard Kehl. Wie er die Korrespondenz zwischen Scheinwelt und Realität
transparent macht, ist höchst erstaunlich. Manchmal tritt die Scheinwelt
hinter dem Gazevorhang hervor, sich mit dem anderen Szenarium vermischend.
Ganz eindrücklich sind die Einblendungen einer angedeuteten Oktoberrevolution,
des Lebens russischer Aristokraten, des Gaststättenmilieus, in dem
Molinas Partner kellnert oder der Krankenstation des Gefängnisses. Äußerst
diszipliniert gestaltet sich die Choreografie (Silvia Zygouris), wenn auch
die Show-Elemente sich etwas zu verselbstständigen drohen und die psychischen
Wechselbäder nicht jedermann, unvorbereitet, bekömmlich sind.
Die Gefängniszelle weitet sich zuweilen zum Aufenthaltsraum der Insassen;
groß genug, um aggressiven Stau gegeneinander abzureagieren. (Ausstattung:
Paul Zoller).
In den Chören herrscht einstimmiger Gesang der Männer
vor. Sie bestehen in erster Linie aus Sträflingen und Pflegern. Der
gemischte Chorklang kommt durch Hinzunahme von Krankenschwestern, Revolutionären
und Kinobesuchern zustande, zumeist identisch mit den Damen und Herren
des Tanztheaters. Die Eisenacher Landeskapelle artikulierte sich unter dem
Dirigat von Christoph Wohlleben immer handlungsbezogen im Rahmen des gewollten
Eklektizismus von Rumba-Rhythmen bis zu den silbrigen Klängen des
"Rosenkavaliers", passend als dem Alltag entrücktes Leitmotiv des
Traumtänzers.
Die Begeisterung des Premierenpublikums erzwang am Ende eine
Teilwiederholung.
Dr. Wolfram Klante
Thüringische
Landeszeitung
Viel Broadway-Flair
auf der Eisenacher Bühne
Im Netz der Spinnenfrau: Dem Todesengel (Jackie Lowe) entkommt keiner.
Eine der beeindruckenden Szenen des Musicals, das am Landestheater
Eisenach zu sehen ist. Foto: Inka Lotz
Eisenach. (tlz) Wo Sein im Schein aufgeht, beginnt das Musical: eine
Kunstwelt vor realem Hintergrund, in der sich Träumen als Problemlösung
anbietet, mit Sentimentalität Mitleid erzeugt und auf diesem Weg Abscheu
vor den Ungerechtigkeiten der Welt geweckt wird. New York ist der Ursprung
dieser Kunst der Unterhaltung, und so abstoßend man ihre Verschmelzung
mit harter politischer Gegenwart auch finden mag, wir begegnen immer wieder
gut gemachten Werken von großer Überzeugungskraft. Ob sie das
Ziel wirklich erreichen, ob sich schließlich Mitleid zu Anklage wandelt,
diese Frage bleibt unbeantwortet - hier ist sie sicher auch nicht relevant.
Mit dem "Kuss der Spinnenfrau" von John Kander setzt das Landestheater
Eisenach die Erfolgsserie in Sachen Leichter Muse fort.
Jan-Richard Kehl hat mehr als einen Hauch Broadway auf die Bühne
gezaubert. Zusammen mit der Choreografin Silvia Zygouris, die das Tanzgeschehen
in spannend präzisen Abläufen und klar umrissenen Bildern gestaltet,
dem Ausstatter Paul Zoller, der mit der nach hinten gestaffelten Zweiteilung
der Bühne der Forderung des Stückes zwischen Fantasie und Wirklichkeit
und deshalb nach schnellem Ablauf gerecht wird, und dem Dirigenten Christoph
Wohlleben, der mit der Landeskapelle typisch flimmerndes Broadway-Flair
verbreitet, plädiert er für Menschlichkeit unter allen Umständen,
auch denen der Haft im von der Diktatur geplagten Argentinien.
Feinarbeit hat er geleistet an den Charakteren der beiden Inhaftierten,
dem einschlägig straffällig gewordenen Homosexuellen Molina
(Gaines Hall) und dem wegen marxistischer Agitation eingesperrten Valentin
(Thomas Christ). Ihre Annäherung wird begreifbar, um einerseits aus
der Isolation heraus zu kommen und sich nicht nur mit früheren Erlebnissen
von Hollywood-Filmen die Freiheit vorgaukeln zu müssen, und andererseits
den in die Nähe gerückten Freigang des anderen für eine
Botschaft nach draußen zu nutzen - nicht mal in politischer Absicht,
nur zu einer Nachricht an die Geliebte.
Mit welcher Feinfühligkeit diese Annäherung gespielt wird,
mit allen Ängsten, Zweifeln, Missverständnissen, und mit welcher
Ausdruckskraft und Gestaltungsbreite gesungen wird, das ist ansehens-,
anhörenswert.
Mögen die intriganten Pressionen des Gefängnisdirektors
(Ernst-Volker Schwarz) genauso zur Verständigung der Häftlinge
beitragen wie die unter der Folter erlittenen Verletzungen und deren Versorgung
durch den anderen, der Ruf nach gesellschaftlicher Veränderung ist
unüberhörbar.
Er steht über allem, verdrängt sogar die Spinnenfrau (Jackie
Lowe) von ihrem zentralen Platz. Einst die Aurora in den Filmfantasien
des Molina, mutiert sie zu einer Figur der Hoffnung, der Verlockung, der
zu folgen jedoch den Tod bedeutet. Eine rauchig dunkle Stimme, prädestiniert
für die Songs, und katzenhafte Eleganz sind immer wieder ihre prächtig
eingesetzten Lockmittel. Am Ende aber bleiben dem Zuschauer viele Optionen,
Fantasie und Wirklichkeit nach eigenem Gusto zu erklären.
Hans-Jürgen
Thiers
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