Opernwelt 02/2001
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GÖRLITZ/NÜRNBERG

Lehár: Giuditta

Im Liebesdschungel

Manchmal sind Zufälle eben wirklich nur Zufälle und geben keinen Trend, keine Richtung, keine konzertierte Rückholaktion aus dem Orkus der Geschichte vor. Franz Lehárs wohl ambitioniertestes Werk «Giuditta», das seinerzeit immerhin am hehren Ort der Höchstmusikkultur, nämlich der Wiener Staatsoper, uraufgeführt wurde, erscheint nach zwei Neuinszenierungen dann doch eher untauglich für eine Renaissance. Fast gleichzeitig haben sich im östlichen Zipfel der Republik, in Görlitz, und viel weiter westlich in Nürnberg Inszenierungsteams ans Werk gemacht -und sind mehr oder minder ehrenvoll gescheitert.

Bereits Ende der zwanziger Jahre strebte Franz Lehár, der im vergangenen Jahrhundert erfolgreichste Operettenkomponist (die 1905 uraufgeführte «Lustige Witwe» war ein Ereignis und hatte immerhin ein «Silbernes Zeitalter» der Operette eingeläutet), entschieden nach Höherem. Die 1928 entstandene «Friederike», ein musikalisches Stück über die Liaison zwischen Goethe und Friederike Biron, trug schon nicht mehr die Gattungsbezeichnung Operette, sondern wurde quasi ins 18. Jahrhundert zurückdatiert und als Singspiel geführt. Dennoch blieb dem Werk trotz heftigster Bemühungen von Lehár eine Aufführung an der Wiener Staatsoper verwehrt. Also machte sich der Komponist auf die Suche nach einem für das Haus geeigneteren Stoff, zumal er auch der legendären Maria Jeritza eine Hauptrolle auf den Leib schreiben wollte.

Einer Aufführung von «Giuditta» in Wien stand dann auch nichts mehr im Wege, denn das wirtschaftlich angeschlagene Haus brauchte einen populären Erfolg, und es setzte, wenngleich ein bisschen zähneknirschend, auf Lehár und sein neuestes Werk. Die Premiere der musikalischen Komödie «Giuditta» wurde ein überwältigender Erfolg, zumal an Ohrwürmern auch kein Mangel herrschte. Hits wie «Meine Lippen, die küssen so heiß ... » oder «Freunde, das Leben ist lebenswert» führen mittlerweile in Wunschmusiksendungen und Galaveranstaltungen ein Eigenleben.

Worum geht es in Lehárs letztem Werk? Die Italienerin Giuditta lebt in einer kleinen italienischen Hafenstadt. Sie scheint aber nicht sehr glücklich mit einem gewissen Manuele verheiratet zu sein. Tatsächlich nutzt die junge Frau die erste beste Situation, um mit einem Offizier zu entfliehen, der ihr spontan und ohne Vorwarnung seine Liebe gestanden hat. Sie geht mit Octavio nach Afrika, und die Idylle nimmt den erwarteten Verlauf. Bald taucht jedoch der Konflikt flugs in Form eines Marschbefehles auf. Octavio ist als Soldat gefordert, den afrikanischen Aufständischen auf Europäisch Mores zu lehren. Als Liebhaber musste er also eine Zeit lang pausieren. Nach einigen Gefühls und Pflicht-Hin-Her-Schwankungen geht er dann doch seiner soldatischen Pflicht nach. Freilich nicht ohne Giuditta noch einmal ins Gewissen zu reden, zu Hause schön brav zu sein.

Sie ist dies mit ihrem südländischem Temperament mitnichten, sondern verdingt sich als Nachtclubsängerin und verdreht zum Spaß den dort anwesenden älteren, dafür aber begüterten Herren den Kopf. Währenddessen hat bei Octavio die Sehnsucht nach der Geliebten obsiegt, er hat die Fahne verlassen und will zu Giuditta zurück. Doch im Nachtclub muss er aus einer Deckung heraus ihr loses Treiben mit ansehen. Er verschwindet desillusioniert im Dunkel der afrikanischen Nacht.

Jahre später sieht man den desertierten Offizier sich als Barpianist in einem Grandhotel verdingen. Hoher Besuch ist angekündigt, ein Herzog und Nabob erscheint, an seiner Seite schreitet Giuditta daher. Sie erkennt den Pianisten, und ihre Liebe entflammt zu Octavio erneut, doch es ist zu spät. Sein Interesse ist erloschen: Er tut sich als Misogyn keinen Stress mehr mit Damen an. Einsam klimpert Octavio in der leeren Bar vor sich hin. «Was spielen Sie denn noch?» spricht ein Kellner, «es ist doch niemand mehr da! »

Für die Musik, vor allem die der Oper, ist das freilich tödlich: Wo keine Emotionen mehr überschwappen und demzufolge auch nicht vorgezeigt werden müssen, da vermag die Musik meistenteils noch minimalistisch vor sich hinzududeln. Oder man macht sich, ästhetisch am besten im Rückwärtsgang, ein bisschen darüber lustig, dass derjenige am glücklichsten ist, der fix vergisst, was sowieso nicht zu ändern ist. Möglicherweise ist so Lehárs etwas seltsame Bezeichnung für «Giuditta» als einer «musikalischen Komödie» von ziemlicher Tiefgründigkeit, die mit den optimistischen Aussichten von Aldous Huxleys «Schönen Neuer Welt» korrespondiert, egal ob beabsichtigt oder nicht.

Regisseur Jan-Richard Kehl hat in Görlitz, der Jakob-Böhme-Stadt, für seine Inszenierung einen Vorwand geliefert, der noch einmal die beliebten gerontologischen Stoffe der vergangenen Sprechtheatersaison aufgriff. Octavio sitzt im Altersheim und erinnert sich an seine Geliebte Giuditta, die er vor grauer Vorzeit verlor. Flugs wären wir vermittels eines nicht eben taufrischen, dafür aber denn doch sehr passablen Regieeinfalls in der Gegenwart, von der aus die Dinge mit größerer Gelassenheit betrachtet werden können.

In Nürnberg hat Wulf Konold sich einer solchen zeitgenössischen Anstrengung besser gleich gar nicht unterzogen. Sein hoffnungsloses Trachten und Ansinnen tendierte hin zu einem von Lehárs Operetten-Melodienmaschine durchgekneteten Remake von «Casablanca», was dem ersten Anschein nach durchaus plausibel erschien. Aber lediglich auf die optische Stimmung dieses Wunderfilms anzuspielen, war dann doch ein bisschen wenig.

Statt einer lichtdurchfluteten mediterranen Szene blieb in der Hans-Sachs-Stadt alles in diesem eigentlich fidelen Italien und Afrika seltsam dunkel und schummrig. Die Bar-Atmosphäre des letzten Aktes strahlte in einer Art vorauseilendem Gehorsam bis hinein in den ersten Akt ab. Kein Wunder, dass die Protagonisten aus der ansonsten sehr aufwendig und edel hergerichteten Szene heraustreten mussten, um ihre Arien mehr oder weniger vorn an der Rampe zu schmettern. Aber dies half häufig auch nicht viel weiter, denn die Nürnberger Philharmoniker spielten unter Christian Hutter zwar schön, aber eben auch mit reichlich ungestümer Kraftentfaltung. Die kaum überdimensionierten Stimmen von Richard Kindley, Anne Lünenbürger oder Martin Dudeck drangen so nicht immer klar und vernehmlich bis in die Publikumsreihen durch.

Andererseits wirkte die Darstellungskunst des gesamten Nürnberger Ensembles reichlich schaumgebremst. Der eher bieder runtergespielte Handlungsfaden (in einer Nürnberger Fassung um gut eine Stunde verkürzt) wurde nur selten mit psychologisch interaktivem Spiel aufgewertet. Konold ließ seine Sänger und Sängerinnen inmitten der ohnehin hanebüchenen Geschichte ziemlich allein. Und selbst Pierrino (Dariusz Siedlik) und Anita (Jutta Böhnert), die für buffoneske Operettenstimmung sorgen sollten, agierten ziemlich steif und wirkten in ihren Tanzeinlagen höchst unlustig. Auch das überschäumende und männerverwirrende Temperament von Anne Lünenbürger als Anita (Anmerkung: hier muß es heißen- Giuditta) war offenbar komplett in der Garderobe hängen geblieben. Für eine feurige Italienerin der die Männer zuhauf verfallen, wirkte sie entschieden zu brav.

Anders in Görlitz, dort hatte Jan-Richard Kehl in einer eher ärmlichen Szenerie, die programmatisch die fünf Akte nahezu identisch blieb, für eine Personenführung gesorgt, die die Geschichte zumindest ansatzweise glaubhaft machte. Wenn denn die großen Gefühle wie Liebe, Eifersucht und Ehrverletzung herausgestellt wurden, dann war das den Akteuren dank ihrer Darstellungskraft durchaus abzunehmen. Und auch das Buffopaar hatte die Lacher auf seiner Seite. Hier stimmte das Handwerk, zumal auch die stimmlichen Leistungen aller Protagonisten weitestgehend passabel waren, trotz angesagter Influenza.

Die Neue Lausitzer Philharmonie unter Myron Michailidis tauchte zwar ein in Lehárs Operettenseeligkeit, ging darin aber nicht unter, sondern lieferte einen gelegentlich mit Ironie durchtränkten Soundtrack, der bei der großen Oper spitzbübisch anklopfte.

Gottfried Blumenstein
 

Lehár: Giuditta.

Görlitz/Bautzen.
Premiere am 21. September, besuchte Vorstellung am 15. November 2000. Musikalische Leitung: Myron Michailidis, Inszenierung: Jan-Richard Kehl, Bühnenbild: Katharina Lorenz, Kostüme: Ulrike Stelzig-Schaufert. Solisten: Daniel Mucedu (Octavio), Yvonne Reich (Giuditta), Hans-Peter Struppe (Manuele/Lord Barrymore/Herzog), Astrid Wemer (Anita), Frank Ernst (Pierrino), Ingo Wasikowski (Antonio) u. a.

Nürnberg.
Premiere am 12. November, besuchte Vorstellung am 4. Dezember 2000. Musikalische Leitung- Christian Hutter, Inszenierung: Wulf Konold, Bühnenbild: Hartmut Schörghofer, Kostüme: Ursula Renzenbrink. Solisten: Barry Hanner (Manuele), Anne Lünenbürger (Giuditta), Richard Kindley (Octavio), Martin Dudeck (Antonio/ Lord Barrymore/Herzog), Jutta Böhnert (Anita), Dariusz Siedlik (Pierrino) u. a.
 
 

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