Theater der Zeit  -  März/April 1998

Aus Artikel:
In der sächsischen Schmuddelecke

Von Martin Linzer

(...) Die vom verstorbenen Oberspielleiter Dr. Poch initiierte Spielplanlinie der "Ausgrabungen" hat sich bewährt, beim Publikum durchgesetzt und wird vom jungen Jan-Richard Kehl fortgesetzt, der die stagione bis zu ihrem Auslaufen leiten wird. Auch seine "Fledermaus" läßt tradierte Publikumserwartungen zunächst außer acht.

Die Inszenierung wirkt in der Region wahrscheinlich so provokant wie Castorfs in Hamburg (ist der Wischeimer im 1. Akt eine hommage an C.?), aber Kehl hat imgrunde nicht mehr getan, als den Widerspruch zwischen der Walzerseligkeit der Musik und der Trivialität der Fabel aufzuspüren und szenisch umzusetzen. So ist der Salon bei Eisenstein von erschreckender Miefigkeit, und die Party bei Orlofsky scheint auf einem Hinterhof zu spielen, was für die Extravaganz des Fürsten spricht (aber auch die Verwandlung in das Gefängnis erleichtert). Der deutlich der Russen-Mafia zugeordnete Orlofsky ist zwar vermögend, Sekt und Kaviar kommen schubkarrenweise, aber gesellschaftlich offenbar weniger renommiert, sein Benehmen entspricht ja auch kaum den Anstandsregeln, die für Wiener Hofbälle bis heute gelten. Das ist mit einigen Längen, aber insgesamt mit viel Spaß und ohne Beschädigung der Musik - was viele Besucher wieder versöhnt - von einem sympathischen jungen Ensemble dargeboten (für Irritation, auch in höchsten Kreisen der Region, sorgte der Einfall, im Festbild eine inzwischen abgewickelte und eine real existierende Nationalhymne kurz zu zitieren, nun ja). Das Bautzener Musiktheaterangebot war in den letzten Jahren als anregende Ergänzung zum Angebot des Görlitzer Musiktheaters angelegt, wurde insgesamt auch so angenommen. (...)
 
 

















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