Sächsische Zeitung vom   Dezember 1997

Statt berauschender Operette eine triste Kabarettnummer

Das Bautzener Theater inszeniert die"Fledermaus" und schreibt dabei ein völlig neues Stück - Premiere in Görlitz

Von Sebastian Beutler

Bautzens Intendant Reinhard Hellmann fand es angebracht, noch vor dem ersten Takt von Straußens "Fledermaus" vor den Görlitzer Vorhang zu treten und zu warnen: "Unsere Sicht auf die 'Fledermaus' ist eine innovative. Ich hoffe, sie regt zu Diskussionen an, und Sie kommen auch in den folgenden Aufführungen so zahlreich wie heute abend."

Keine gewohnte Inszenierung

Hellmann wußte, was er tat. Denn dem Theaterbesucher treibt Jan-Richard Kehls Inszenierung alle Vorstellungen von der "Fledermaus" gründlich aus. Doch bei dem Versuch, den Staub aus der Operette zu schütteln, hat er sich den Luxus erlaubt, ein völlig neues Stück zu schreiben. Mit der gewohnten "Fledermaus" hat das allerdings nichts mehr zu tun, auch nicht auf "innovative" Weise. Es ist eine Ausrede, mehr nicht.

Dabei gelingt Kehl eineinhalb Akte das Kunststück zwischen tradierter Auffassung und moderner Sicht ziemlich gut. Er gestattet sich nämlich den Zeithorizont der Entstehung dieser Operette stärker in die Inszenierung einfließen zu lassen, als man es gemeinhin kennt. So führt er uns in das Wien des großen Börsenkrachs, in die Weit der oberen Zehntausend, die von sich selber besoffen und angeekelt ist. Der Auftakt findet in einem ziemlich abgewetzten roten Salon statt, das Fest des Orlofsky in einem kalten Palast, der auch gleich als Gefängnis für den dritten Akt dient. Ansonsten hat Claudia Jenatsch die Bühne für den Regisseur abgeräumt. Sparsam setzte sie die Details: dort ein Sektkübel, hier eine verrostete Gießkanne. Platz genug für Ideen und Einfälle, in diesem Fall leider.

Regisseur will Abgesang zeigen

Kehl versteht die "Fledermaus" als einen Abgesang und zieht beliebig viele Strippen in unsere Zeit. Die DDR-Hymne wird ebenso zitiert wie die gesamtdeutsche, zuvor erklingt seltsam verstümmelt die Marsellaise: kein' Hoffnung hinieden. Das hielt mancher Premierenbesucher im Görlitzer Haus nicht aus und flüchtete aus solchem Jammertal. Denn genau in diesem Moment verlor Kehls Inszenierung jeglichen Bezug zur "Fledermaus", und es begann die triste Kabarett-Version mit Jürgen Hart. Dem Leipziger "Academixer" als Gefängnisdirektor Frosch kommt die unverhoffte Rolle zu, lockere Gegenwartslyrik in ein Stück aus dem 19. Jahrhundert zu verfrachten: deutsch-deutsche Vergangenheitsbewältigung, die freigehaltene Zelle für Egon als Krenz-Stück, das Lamentieren über die Bonner Politik und das Nachweinen der DDR, Untermalt mit Walzerseligkeit von Johann Strauß. Es ist zum Davonlaufen-Schrecklich. Wenn Jan-Richard Kehl gerade danach war, hätte er ein eigenes Stück schreiben sollen, als Strauß dermaßen zu verhunzen. So bleibt vom Original nur eine Posse, eine schlechte Improvisation. Kurzum: Eine Zumutung.

Selbst die Musik erklingt fad aus dem Orchestergraben, wo sich die Musiker der Neuen Lausitzer Philharmonie unter Friedemann Schulz bemühen, durch alle Klippen der übriggebliebenen Partitur zu lotsen. Dabei hätte Kehl alle Möglichkeiten für eine frische, unverbrauchte "Fledermaus" gehabt; denn Garegin Hovsepian ist ein wunderbar aufbrausender Eisenstein, Sally Stevens springt behende zwischen, den Liebesabenteuern.

Talent in der, Ensembleführung

Carolin Masur ist ein verlebter Orlofsky, Karsten Redlich ein liebestoller Alfred, Matthias Winter ein rachsüchtiger Notar. Aber gerade die Ex-Görlitzerin Ines Wilhelm gibt ihrer Rolle als Adele sängerisches Gepräge und Spiellust. Zwar führt Kehl die Darsteller mit viel Talent, das scheint ihm beim Stück jedoch völlig abhanden gekommen zu sein.
 
 

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