musicals 05/2000

Görlitz

Theater

CITY OF ANGELS

Wieder einmal kaum zu glauben, was die Provinz so leistet: ein amerikanisches Book-Musical am Stadttheater, das Ganze mit Profis angereichert und mit einer zusätzlichen Band garniert. Das sind Voraussetzungen, die im Kulturland BRD 2000 fast unglaublich erscheinen. Das Theater setzt auf abwechslungsreiche und qualitative Vorlagen, um seinem Publikum eine gute Musicalproduktion zu bieten -so geschehen am 13. Mai 2000 im Theater Görlitz, das selbst zwar nicht geschlossen werden soll, wo aber strukturelle Fusionen ein ähnliches Chaos wie an anderen Theatern im Osten produzieren werden.

Die Lausitzer Provinz entführt nach Hollywood, genauer in die 40er Jahre der Traumfabrik, als die Drehbuchautoren noch Menschen und die Produzenten fiese Machthaber und nicht kalkulierende Wirtschaftsbosse waren. Der Autor Stine (eine aufrichtige Identifikationsfigur, aber die Textverständlichkeit von Brady Swenson ließ manchmal zu wünschen übrig) schreibt an einem Drehbuch und erweckt auf einer parallelen Ebene sein anderes Ich zum Leben - einen Privatdetektiv, momentan

etwas unterbeschäftigt. Aber dieser Stone ist nicht auf den Kopf gefallen, ist offensiver und mutiger als Stine. Klaus Meile bringt eine sehr präsente, zwielichtige, sehenswerte Figur auf die Bühne. Die Spiel-im-Spiel-imSpiel-Geschichte verwirrt ihr Publikum mit einem Zwinkern immer wieder neu. HerTlich ist etwa der Einfall, die Theaterdekoration zu verschieben und abzubauen, wenn Stines Drehbuch zum Schluss endlich verfilmt werden soll. Regisseur Jan-Richard Kehl zog das Publikum in seinen Bann und hatte die Doppelrollen im Griff. Ausgezeichnet gelungen sind die schauspielerischen Doppelporträts, beispielsweise von Nicole Rößler als verloren gegangener, Unschuld vortäuschender Tochter Mallory Kingsley zum einen und als tanzendes, aufstrebendes Sternchen Avril Rains zum anderen. Ingo Wasikowski hat als Produzent Buddy

Fidler schon mit dem ersten Satz "Stine!" seinen Schreibsklaven und das Publikum im Griff. Er lässt Stine sein Drehbuch verbessern, wodurch auch Stone ein ähnliches Problem bekommt: den Auftrag ausführen, obwohl man längst nicht mehr dahinter steht? So ist die Sinnfrage des Künstlers wunderbar eingewoben in 'City Of Angels'. Das Musical wurde mit sprachlicher Schärfe von Michael Kunze im Deutschen neu entworfen - Kostprobe: "Lassen Sie mich ein Lächeln hören." Auch in den Ensembleszenen bleiben die Darsteller präsent, und zu Cy Colemans jazziger Musik werden ausgiebig spannende und klug verteilte Choreografien von Silvia Zygouris getanzt.

Bühnenbildner Stefan Heyne zauberte eine nostalgische, weitläufige Hotellobby-Atmosphäre mit Springbrunnen-Plantschmöglichkeiten auf die doppeldeutige Spielfläche. Einzelne Möbel reichen als Raum-Andeutung. Im zweiten Teil gibt es ein vielseitiges Bett, und für die schnellen Szenenwechsel wird vermehrt die Drehbühne eingesetzt. Auf der Leinwand in der ersten Etage präsentiert sich öfters das Gesangsquartett Angel City Four in strahlend weißen Kostümen. Ulrike Stelzig-Schaufert kleidete das Ensemble stilvoll und sportlich ganz im Sinne der 40er Jahre.

Musikalisch zeigt sich das Musical in Höchstform. Kein Wunder beim bewährten Dirigat von Milos Krejci, der auch die jazzige Micha-Fuchs-Band mit Bass, Drums und Piano einbinden konnte. Wenn gute Voraussetzungen geschaffen werden, kann auch etwas sehr Gutes entstehen - so wie hier in Görlitz, wo fernab des gängigen Repertoires ein amerikanisches Musical erfolgreich auf die Bühne gebracht wurde.
F Wesner
 


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