Freie Presse 15.Feb.1999

Von der Liebe in einer Welt der Lüge

Jan-Richard Kehl inszeniert eine Komische Oper ganz und gar nicht komisch: "Die verkaufte
Braut" in Zwickau

Von Karl-Heinz Löbner

Der Bräutigam Hans verkauft Marie, die eigene Braut. Zwar geschieht der Handel nur zum Schein, doch er bleibt nicht ohne psychische Schäden für beide. Da gibt es nichts zu lachen, auch wenn "Die verkauft Braut" von Bedrich Smetana im Untertitel als Komische Oper bezeichnet wird. Regisseur Jan-Richard Kehl reichert das Werk, welches am Freitag abend in Zwickaus Gewandhaus Premiere hatte, nicht mit Späßen und Possen an, um das Publikum zu amüsieren.

Mit Konsequenz folgt die Regie dem Textbuch, indem sie genau gezeichnete Charaktere lebensnah auf die Bühne bringt. Und es ist für den jungen Regisseur ein Glücksfall, daß ein solch erfahrener Dirigent wie Generalmusikdirektor Welisar Gentscheff dessen Konzept im Orchestergraben mitträgt. Mit dem Erklingen der Ouvertüre, hervorragend vom Philharmonischen Orchester Zwickau interpretiert, war der ernste Duktus vorgegeben.

Keine oberflächliche Heiterkeit, sondern geballte Spannung und unterschwellige Dramatik vermochte der Klangkörper zu vermitteln. Selbst den heiteren Melodien umgab ein Hauch von Nachdenklichkeit. Die in den Streichern dahinhuschenden Figuren, mit rhythmischer Präzision geboten, drückten nicht überschäumenden Dorftrubel aus, sondern die Unruhe aufgewühlter Seelen.

Die erste Szene irritiert anfänglich. Das Einheitsbühnenbild (Ausstattung Stefanie Pasterkamp) ist eine Mischung aus dem großen Gastraum einer Dorfkneipe und einer Art Biergarten. Dort vermischen sich in trister Alltagskleidung die Gäste mit dem Personal, Biertrinker mit Kartoffeln schälenden Frauen. Die den Besen schwingenden Mägde schaffen es nicht, das durch den Wind herumflatternde Papier wegzufegen. Auch Regen prasselt hernieder.

Hans, Michas Sohn aus erster Ehe, ist nach langer Abwesenheit in sein böhmisches Heimatdorf zurückgekehrt. Von niemandem erkannt, arbeitet er in der Kneipe als Kellner. Und wenn's nun ums Heiraten geht, dann handelt es sich um Geld. Die Ehen werden von den Eltern gestiftet, was nicht ohne den Heiratsvermittler Kecal geht. In dieser Partie ist Hasso Wardeck stets bühnenpräsent.

Doch gerissener als Kecal ist Hans. Er erhält schließlich die Frau, die er will, dazu sein Erbe und Kecals Abstandssumme. In der Welt des Lügens und Betrügens kennt, er sich aus. Diese Rolle steht Kai Konrad kraftvoll durch. Marie, die Hans nicht in seine wahren Absichten eingeweiht hat, fühlt sich von ihm zutiefst verraten. Er spielt mit ihren Gefühlen und beschädigt dadurch auch sein eigenes Glück.

Der befreienden Wendung am Schluß vermag Marie kein Lächeln abzuringen. Zur belasteten Liebesbeziehung kam noch psychischer Terror durch beide Elternpaare. Das Spiel von Katrin Kapplusch und ihr zur Dramatik tendierender Gesang haben ziemlich beeindruckende tragische Dimensionen. Zu spät begreift sie, daß auch sie ein unehrliches Spiel mit dem stotternden Wenzel führte, der durch autoritäre Erziehung in seiner Entwicklung zurückblieb. Anrührend und sympathisch gestaltet Michael Bielefeldt diesen Charakter.

Die Szene mit der wandernden Komödiantentruppe wird detailliert als Theater im Theater ausgespielt, macht dabei deutlich, welche harte Arbeit erforderlich ist, um mit lustigen Vorführungen ein Publikum zu fesseln. Bei der Gestaltung der Tänze gibt es eigenwillige Auffassungen. Die Polka tanzen ungleiche Paare so unbeholfen, daß es spaßig ankommt. Jedoch der Furiant nach dem Trinklied wird als Saufgelage der Männer dargestellt, an dessen Ende Rauferei und Zerstörungswut stehen.

Im folkloristischen Gewand kommt in Zwickau "Die verkaufte Braut" von Smetana nicht daher. Diese "Komische Oper" stimmt nachdenklich und wurde von den Zuschauern zur Premiere im Gewandhaus mit viel Zustimmung aufgenommen.
 
 

zurück zur Hauptseite

AusbildungInszenierungenInszenierungsfotos - Besprechungen - Terminelinks - Kontakt