Freie Presse vom 4. März 1997

Alles andere als ein alter Hut

"Die verkaufte Braut" von Bedrich Smetana hat in Annaberg-Buchholz Premiere

Von unserem Mitarbeiter Christoph Sramek

Ein abgestürzter Kinderdrachen und ein mit Trauerflor bebänderter Ährenkranz hängen in einem noch kahlen Baum. Dahinter schließen sich hohe kreidefarbene Mauern zu einem offenbar aufgeweichten Geviert, das in aschfahles Licht getaucht ist und grau in grau gekleidete Menschen zeigt, die zu Beginn in eine Art Dornröschenschlaf gehüllt sind. Erst durch einen auf der Bühne erscheinenden Musikanten erwachen sie zu neuem Leben.

Mit diesem überraschenden Eindruck beginnt die Inszenierung von Bedrich Smetanas "Verkaufter Braut" im Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, die am Sonntag abend Premiere hatte. Da am Ende des ursprünglich als Operette gedachten und lange Zeit als vergnügliche Volksoper geltenden Werkes hier jedoch nicht etwa ein Happy-End steht, sondern der zersprungene Liebestraum junger Leute sowie ein fauler Kompromiß, führt diese Sicht von Regisseur Jan-Richard Kehl zu tiefgründigen existentiellen Fragen mit nicht nur partnerschaftlicher Relevanz.

Zwar erinnerte etwa das schneidende Quieken eines Schweines und auch der im Matrosenanzug erscheinende Stotterer Wenzel im ersten Moment an die heiteren Seiten dieser "komischen Oper". Bald aber stellte sich heraus, daß es sich einerseits um den Todesschrei des Tieres gehandelt hatte, während andererseits der sprachbehinderte junge Mann durch hemmungslose Bevormundung seiner Eltern um die echte Entfaltung seines Lebens gebracht worden war. Da blieb den Zuhörern selbst bei Klängen von Polka und Furiant das Lachen im Halse stecken, zumal sich die Burschen lieber im einarmigen Reißen von Bierflaschen übten als das Tanzangebot der Mädchen zu erwidern.

Auch wenn die vielschichtige Musik Smetanas dieser Werkinterpretation erstaunliche Räume öffnet, nahmen die Premierenbesucher die Aufführung anfangs mit spürbarer Zurückhaltung auf. Daß nach der Pause jedoch kaum eine Szene ohne Zwischenapplaus blieb und am Ende Marita Posselt als anmutige, lebenssprühende Marie sowie André Riemer als weichherziger, stimmlich flexibler Wenzel mit Bravos bedacht wurden, läßt die zunehmende Faszination dieser Deutung und die stringente Umsetzung durch das gesamte Ensemble erkennen.

Schon mit der Ouvertüre hatte Dirigent Ulrich Sprenger bewußt werden lassen, daß hier alles andere als ein alter Hut zur Verhandlung stünde. Mit einem blitzsauberen, rasant vorgetragenen Fugato der Streicher sorgte er von Anfang an für derart frischen Wind, daß den Blechbläsern und später auch dem Heiratsvermittler Kezal (Knut Weigmann) manchmal die Puste auszugehen drohte. Die von Ernst Rollin und Peter Tornew hervorragend motivierten, vorrangig nach akustischen Gesichtspunkten geführten Chöre konnten in jeder Phase mithalten und entfalteten die gleiche Ausstrahlungskraft wie die von Leander de Marel angefeuerte Komödiantentruppe. Die sonst oft nur eine abwechslungsreiche Einlage vortragende Schar bringt hier durch ihr Verwirrung stiftendes Auftreten beim Umtrunk und die Verkleidung zu Figuren aus der commedia dell'arte konzeptionell sinntragende Farbe ins Spiel.

Mit welcher feinsinnigen Raffinesse Gudrun Müller als Ausstatterin gearbeitet hat, wird vor allem in der sozialen Zeichnung der beiden Elternpaare deutlich. Gemeinsam mit Hans, der von dem tschechisches Sprachkolorit einbringenden Heldentenor Jan Markvart verkörpert wird, treiben sie in dem berühmten Sextett des dritten Akts Marie derart in die Enge, daß das Mädchen eine Wand zwischen den Generationen verspürt und ihre Liebe zu Eltern und Freund zerbrechen sieht. Wie sich die zwanghafte Lösung dieser Händel der Älteren jedoch auf die Zukunft der Jüngeren auswirkt, lassen Stück und Inszenierung offen.
 


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