Komische Oper einmal etwas
anders
Premiere"Die verkaufte Braut' im Eduard-von-Winterstein-Theater
Bedrich Smetana komponierte seine zweite Oper in einer dunklen Epoche seines Heimatlandes unter der Habsburgischen Herrschaft als glänzendes Beispiel einer Nationaloper. Sie war ursprünglich in ihrer Fröhlichkeit ein Zeugnis unbeugsamen Lebenswillens des tschechischen Volkes.
Ganz anders aus der Sicht des Regisseurs Jan Richard Kehl in der Annaberger Inszenierung. Er stellt vielmehr die menschlichen Probleme in den Vordergrund. Dementsprechend erscheint auch die Ausstattung relativ düster. Grau in grau sowohl die Szenerie als auch die Kleidung der Landleute, nicht, wie gewohnt, in fröhlichem Bunt bei Musik und Tanz. Kehl setzt vorwiegend auf Beleuchtungseffekte. Interessant der Bau einer schmalen Vorbühne, so daß sich der Orchestergraben inmitten des Spielgeschehens befindet. Über den Einsatz der Drehbühne ohne Verwandlung des Bühnenbildes kann man geteilter Meinung sein. Für die Darsteller ist es eine erhöhte Anforderung. So muß z. B. Andreas Scholz als Bauer Kruschina regelrecht strampeln, während ihm der Boden unter den Füßen wegläuft, und André Riemer hat es als sprachgehemmter Wenzel besonders schwer, weil er stotternd zu singen hat und ab und zu nach unten schauen muß, um nicht zu stürzen.
Eine große Aufgabe hat in dieser Oper der Chor zu bewältigen. Von Ernst Rollin ausgezeichnet vorbereitet, meistert er sie mit Präzision. Auch wenn hier eine andere Übersetzung gewählt wurde als die gewohnte, ist jedes Wort zu verstehen. Die Choreographie besorgte Peter Tornew. Auch die Kinder fügten sich gut in das Spielgeschehen ein.
Marita Posselt gestaltet die Partie der Marie mit Können und Einfühlungsvermögen. Für ihren tadellos gefiihrten, gut abgestützten Sopran gibt es weder in Höhe noch Tiefe Probleme.
Ihr Partner Hans wird von Heldentenor Jan Markvart mit kräftiger Stimme verkörpert. Seine leicht tschechische Sprachfärbung paßt gut in diese Oper.
Knut Weigmann ist der raffinierte, am Schluß geprellte Heiratsvermittler Kezal. Stimmlich in gewohnt guter Form hat er zuweilen etwas Mühe, mit dem unter Ulrich Sprenger schwungvoll und spritzig musizierenden Orchester mitzuhalten.
Die schwierige Partie des sprachgestörten, von seinen Eltern gegängelten, Wenzel bringt André Riemer glaubhaft auf die Bühne und erspielt bzw. ersingt sich damit manchen Zwischenapplaus..
Leander de Marel sorgt mit seiner Komödiantentruppe (Annett Illig, Jens-Eric Schulze, Verena Noll, Axel Buchholz, Roland Richter) für Farbe und Kontrast in der ansonsten düsteren Szene.
Ihren Hauptauftritt haben Andreas Scholz, Bettina Corthy, Adrienne Passen und Horst Beer als Eltern von Marie und Hans bei dem Sextett im Schlußbild, als sie Marie beschwören, ihre Entscheidung gegen Wenzel noch einmal zu überdenken. Hat man sich entschlossen, sich von der bisherigen Auffassung dieser Oper zu trennen, so kann man schließlich auch den Intentionen des Regisseurs folgen. Das tat wohl auch das Premierenpublikum, wie der langanhaltende herzliche Schlußbeifall zeigte.
Es gab viel Blumen. Schade nur, daß die hervorragende Hauptdarstellerin leer ausging!
G.D.
Ausbildung - Inszenierungen - Inszenierungsfotos - Besprechungen - Termine - links - Kontakt